Schleudergang
von Daniela Jäggi
Die meisten Menschen da draussen wissen, wie ich mit dem Tod, der Trauer und allem, was eben dazu gehört, umgehe. All diese Menschen wissen auch, dass meine Familie und ich eigentlich nichts so machen, wie das Lehrbuch es vorgibt. Wir sind anders - wir haben eigene Strategien und noch viel eigenere Wege.
Und doch gibt es immer wieder Menschen, die - weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen - Sätze raushauen wie:
"Das wirklich grosse Loch, das kommt erst noch!"
"Man kann sich auf den Tod halt nicht vorbereiten."
"Du bist bei den 5 Trauerphasen noch ganz am Anfang."
"Zu Beginn geben sich die Leute Mühe, aber dann wirst Du ganz alleine dastehen."
Zu Beginn habe ich diese und ähnliche Sätze entgegen genommen und mich gefragt, ob das nun wirklich alles bei mir genauso zutreffen muss. Und dass die Menschen mir diese Sätze in einer Stimmlage sagen, als ob sie mit einem Hundewelpen sprechen würden, hat mich noch zusätzlich verwirrt. Ich bin immer noch ich - 1.67 gross, stämmig und selbstständig!
Ich glaube, dass es Zeit ist, für eine klare Aufklärung.
"Das wirklich grosse Loch könnte sich auch nur als Löchlein entpuppen."
"Ich bin der Meinung, dass man sich sogar sehr gut auf den Tod vorbereiten kann - ich habe das gemeinsam mit unseren Kindern sogar so gut gemacht, dass wir keine traumatischen Bilder im Kopf haben. Nichts - gar nichts! Man muss es aber einfach auch wollen und zulassen!"
"Also diese 5 Trauerphasen, die mache ich - wenn überhaupt - nicht in der vorgegeben Reihenfolge. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich auch nie machen. Mein Weg ist Freestyle!"
"Nur weil bei vielen sich die Freundeskreise zurückziehen, muss das bei mir nicht auch so sein. Ich habe seit gefühlt 100 Jahren eine bombenfestes Netz. Keine Ahnung, warum das ausgerechnet jetzt reissen sollte."
Ich habe mich die ersten Tage nach dem Tod meines Göttergatten immer in Lauerstellung bewegt. Das grosse Loch hat mir Angst gemacht und ich dachte, wenn ich es rechtzeitig sehe, falle ich vielleicht nicht rein. Und dann ist mir eines klar geworden:
Eure Geschichten sind eure Geschichte und ich schreibe meine ganz eigene. Diesen Satz hat mein Göttergatte immer gesagt!!! Und weil wir uns noch nie an irgendwelche Abläufe, Regeln oder normale Wege gehalten haben, werde ich auch diesen Weg anders gehen. Ich hatte 8 lange Jahre Zeit, mich in kleinen Stücken immer wieder zu verabschieden. Ich habe 8 lange Jahre die Trauer trainiert. Ich habe 8 lange Jahre immer wieder Todesängste ausgestanden und ich habe mich akribisch auf den letzten Weg mit meinem Göttergatten vorbereitet. Und drum bin ich überzeugt, dass mein Weg ein anderer sein wird.
Ja, eure Geschichten interessieren mich zwar sehr, aber es sind eure, nicht meine.